Haarausfall nach der Geburt: Tipps der Experten

Von Florina Schwander, 24. April 2017

Bild: iStockphoto

Viele frischgebackene Mütter kennen es: In der Schwangerschaft wächst nicht nur der Bauch, sondern auch der Umfang des Dutts: Man hat plötzlich so viele Haare wie noch nie und dieser Glanz! Kaum ist das Baby da, fallen die Haare dann plötzlich büschelweise aus und der Glanz, nun, der ist (wenn überhaupt) nur noch auf der Stirn zu finden …

In der Fachsprache heisst der Haarausfall nach der Geburt „diffuses Effluvium“ und hängt in den meisten Fällen mit dem Hormonabfall zusammen. Unter der Hormoneinwirkung in der Schwangerschaft verändert sich der Lebenszyklus der Haare, und zuerst bleiben die Haare alle in der Wachstumsphase stehen. Nach der Schwangerschaft kommt es zu einem Abfall der Östrogene, der weiblichen Hormone, und die Haare treten vermehrt in die Ruhephase ein und fallen dann oft synchron aus. Normalerweise befinden sich unsere Haare in verschiedenen Wachstumsphasen, so dass diese „Störung“ durch die Schwangerschafts-Hormone dafür sorgt, dass man erst dichtere Haare und dann auf einmal deutlich weniger Haare haben kann. Auch die Struktur kann sich stark verändern, wie übrigens auch bei anderen Hormonumstellungen im Leben einer Frau, wie die Geschlechtsreife oder die Wechseljahre.

Ich habe mich bei drei Experten, einer Frauenärztin, einer Hairstylistin und einer Hautärztin umgehört, was man denn gegen diesen postpartalen Haareausfall tun kann, wann man einen Arzt aufsuchen sollte und wie das Stillen den Haarausfall beeinflusst.

Was hilft gegen den Haarausfall nach der Geburt?
Dr. Adriana Schwander, Gynäkologin: „Der ‚normale’ Haarausfall normalisiert sich meist sechs Monate nach der Geburt von selbst und die Haare wachsen wieder nach. Haarausfall kann jedoch auch im Zusammenhang mit einer Schilddrüsenerkrankung oder einem Eisenmangel stehen, oder aber durch einen Vitamin- und Spurenelementmangel (beispielsweise Vitamin B12, Biotin, Zink ) verursacht werden. Gerade Frauen, die bereits in der Schwangerschaft mit einem Eisenmangel zu kämpfen hatten und bei der Geburt ebenfalls viel Blut verloren haben, empfehlen wir, dies zu kontrollieren. Aber auch eine einseitige, zu radikale Diät, um die vielleicht noch überzähligen Kilos zu verlieren, kann einen vermehrten Haarausfall bewirken. In vielen Fällen reguliert sich die Haarpracht aber von selbst wieder, es braucht einfach Geduld.“

Anna Remund, Hairstylistin: „Die gute Nachricht ist, der Haarausfall nach der Geburt ist meist nur vorübergehend. Ich rate Kundinnen, die unter Haarausfall nach einer Geburt leiden, Geduld zu haben, bis sich der Körper und der Hormonhaushalt sich wieder erholt haben. Ein neuer Haarschnitt verhindert zwar keinen Haarausfall, es fühlt sich aber besser an. Da die Schläfen- oder Stirnpartie oft am sichtbarsten vom Haarausfall betroffen ist, empfehle ich einen schönen Pony oder ein leichter Stufenschnitt zum Kaschieren. Gerne nutze ich auch stärkende und belebende Produkte, die zwar kein neues Haar herzaubern, aber die übriggebliebenen pflegen und etwas aufpeppen.“

Anna Remund empfiehlt diese drei Produkte von Kevin Murphy: Thickening lotion, volumising powder und leave-in plumping treatment. (Alle Produkte sind bei ausgewählten Salons oder über www.perfecthair.ch erhältlich)

Dr. Antonia Fellas, Dermatologin: „Der diffuse Haarausfall nach einer Entbindung weist normalerweise eine Bestandesdauer von sechs Monaten auf und ist in der Regel selbstlimitierend und gewöhnlich vollständig reversibel. Unterstützend können Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von Hirsenextrakt, Pantothensäure, Biotin, L-Cystin sowie Medizinalhefe gegeben werden.“

Ab wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Dr. Adriana Schwander: „Sollten die Haare nach ungefähr sechs Monaten nach der Geburt weiterhin übermässig (mehr als 100 Haare pro Tag sind ein ungefährer Richtwert) ausfallen, empfehlen wir einen Arzt zu konsultieren, um eine andere Ursache des Haarausfalles auszuschliessen.

Dr. Antonia Fellas: „In seiner chronischen Form mit Bestandesdauer über sechs Monate weist der diffuse Haarausfall meist mehrere Ursachen auf, einschliesslich Schilddrüsenunterfunktion, Medikamentennebenwirkung, um die häufigsten Ursachen zu nennen. In diesen Fällen besteht oft zusätzlich ein erblich bedingter Haarausfall, den man weiter abklären sollte.“

Anna Remund: „Ich rate auch nach rund sechs Monaten zu einer Konsultation beim Haus- oder Hautarzt.“

Was hat der Haarausfall mit dem Stillen zu tun?
Dr. Adriana Schwander: „Gute Frage, gegenüber allgemeinen Vorurteilen ist das Stillen dafür nicht verantwortlich. Trotzdem sollte man beim Stillen natürlich auf eine ausgewogene Ernährung achten und einen möglichen Eisenmangel korrigieren. Das hilft ganz grundsätzlich gegen Müdigkeit, Leistungsminderung, und auch die Substitution von Spurenelementen kann in dieser anstrengenden Zeit nach einer Geburt nicht schaden.“

Kann man bei einer erneuten Schwangerschaft dem Haarausfall nach der Geburt vorbeugen? Prophylaktisch irgend etwas tun?
Dr. Antonia Fellas: „Dem postpartalen Haarausfall kann man leider nicht vorbeugen. Wichtig ist in jedem Fall einen Eisenmangel bei erhöhtem Blutverlust nach der Entbindung auszuschliessen sowie Vitaminmängel (Biotin, Vitamin D, Vitamin B12) zu beheben. Eingangs erwähnte Nahrungsergänzungsmittel können ebenfalls eingenommen werden.“

Wird der Haarausfall mit jeder Geburt schlimmer oder kann es auch sein, dass man bei einem weiteren Mal kein Haar mehr verliert?
Anna Remund: „Die meisten meiner Kundinnen bemerken nach der Schwangerschaft eine Veränderung der Haardichte oder je nachdem auch der Haarstruktur. Aus Erfahrung kann der Haarausfall aber von Schwangerschaft zu Schwangerschaft sehr unterschiedlich sein. Eine Kundin zum Beispiel hatte nach der ersten Geburt starken Haarausfall, nach einer zweiten Schwangerschaft allerdings fand dann nur der normale Haarwechsel statt. Bei einer anderen Kundin wiederum haben sich nach zwei Geburten die Haare plötzlich stark zu locken angefangen. Aber auch das Umgekehrte höre ich oft, Kundinnen mit Locken haben plötzlich glattere Haare. Meine Wellen sind übrigens weniger geworden als vor der Schwangerschaft. Ich hoffe, dass sich das noch normalisiert …“

Dr. Adriana Schwander: „Jede Schwangerschaft und auch die Zeit nach der Geburt verlaufen nie gleich. Es kann sein, dass man bei einer Schwangerschaft keine Veränderungen bemerkt bezüglich der Haare, das nächste Mal dafür arg Federn, oder in dem Fall Haare lassen muss.“

Die drei Expertinnen:

Anna Remund, dipl. Hairstylistin und Make-up-Artistin, Kopfstand Hairstyling und Make-up in Bern, www.kopfstand.ch

Dr. med. Adriana Schwander, FMH Gynäkologie/Geburtshilfe, Frauenklinik Inselspital Bern, www.frauenheilkunde.insel.ch

Dr. Antonia Fellas, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie, Dermatologische Praxis und Haarcenter Professor Trüeb in Wallisellen, www.derma-haarcenter.ch

Auch ihr habt mir Tipps geliefert, was bei euch gegen Haarausfall geholfen hat:

Eisentabletten oder Walfischplazenta: Eure Tipps gegen Haarausfall nach der Geburt, Teil 1

Chügeli, Hirsebrei und Shampoo: Eure Tipps gegen Haarausfall nach der Geburt, Teil 2

Kommentare