Schnell und bequem: Cargobike Mk1-E von Butchers & Bicycles im Test

Von Florina Schwander, 21. Juli 2017

Hätte ich Geld und eine Garage, ich würde mir sofort ein Cargobike kaufen. Ich bin Fan dieser „Kistenvelos“. Liebend gerne habe ich also das Mk1-E von Butchers & Bicycles mit einem Elektromotor von Bosch getestet. Und hätte es noch lieber gleich behalten, so viel sei schon mal verraten.

Dies ist ein hübsches Symbolbild. Man nehme Velohelme, zig Taschen und rote Wangen dazu, dann könnte ich es sein.

Da wir mitten in Zürich wohnen, bin ich mit den Kindern meist zu Fuss oder mit den ÖV unterwegs. Auf meinem Rad habe ich einen normalen Kindersitz, auf dem ich ab und zu mit der Duchess durch Zürich pedale, sie liebt es. Rund um uns herum haben viele Familien Veloanhänger. Mir sind diese Anhänger aber immer etwas suspekt gewesen und jetzt mit den drei Kindern sowieso schwierig. Das die Vorzeichen für meinen Test, ich bin „meinem“ Cargobike als mit einer grossen Portion positiver Grundeinstellung begegnet. Doch dann …

Erstes Fazit: Määäh

Beim Abholen des Mk1-E erlebte ich die schlimmsten, oder zumindest lautesten, Minuten meines bisherigen Mamalebens. Während mir der nette Mann von Bosch das Velo erklären wollte, haben sich die Messieurs stereo und sehr laut beschwert. Auch während des Fahrens ging das Geschrei mit kurzen Unterbrüchen weiter und ich dachte schon, ich müsste das Cargobike gleich wieder zurückbringen. Kaum waren wir aber alleine unterwegs, waren die Jungs still und schauten interessiert aus ihrer Kiste heraus. Auch die nachfolgenden Testfahrten zeigten: Die Jungs fuhren genau so gerne im Cargobike wie später ihre Schwester. Der anfängliche Protest hatte wohl eher mit einer etwas aufgeregten Mutter und nach wie vor fremdelnden Messieurs zu tun als mit dem Bike.

Unterwegs mit den Zwillingen an der Sihl

Zweites Fazit: Jeeeh

Die Dezibel am Anfang haben mir den Start mit dem Cargobike von Butchers & Bicycles erschwert. Ich hatte Mitleid mit den gestressten Jungs, war abgelenkt und fand das Manövrieren mit dem „Dreirad für Erwachsene“ schwierig. Nachdem wir alle einmal durchgeatmet hatten, gings aber viel besser. Ich habe mich schnell an das spezielle Fahrgefühl gewöhnt. Klar bin ich mit dem dreirädrigen Velo nie ganz so wendig unterwegs gewesen wie mit meinem normalen Zweiräder. Dafür hatte ich nie Angst, dass es kippen würde. Und erstaunlicherweise konnte ich es auch recht leicht anheben und mal von Hand ein bisschen verschieben, wenn ich den Rank nicht ganz gefunden hatte.

Mit den Jungs bin ich jeweils nur kurze Strecken gefahren, da ich nicht wollte, dass sie im Rad einschlafen. Die Duchess ist allerdings einmal eingenickt. Ich habe sie dann (immer noch angegurtet) auf die Baditasche gelehnt, so konnte sie ihr Nickerchen beenden. Die neueren Modelle des Mk1-E verfügen zudem neu alle über sogannte modulare Boxen, wo die Kindersitze waagrecht umgebaut werden können, so dass die Kinder ihren Mittagsschlaf machen können, beispielsweise.

Vorteile:

  • Die elektrische Unterstützung. Ich bin zum ersten Mal mit einem E-Bike gefahren und habe die Unterstützung beim Strampeln von der ersten Umdrehung an genossen. Ich bin nie wirklich schnell gefahren, weil mir das einfach zu gefährlich ist, doch dafür bin ich vom Kreis 3 zum See hin- und zurückgefahren ohne grosse Anstrengung bei gut 30 Grad. Die beiden Akkus lassen sich entweder direkt vom Velo an einer Steckdose anschliessen oder herauslösen und einzeln aufladen.
  • Die stufenlose Schaltung. Bei der Erklärungsrunde hat Beat von Bosch von einer stufenlosen Schaltung, leichten und schweren Gängen gesprochen. Ich hätte auch ohne das Geschrei der Jungs nichts verstanden. Leichte Gänge? Stufenlos? Nun, das Strichmännchen auf dem Velo am Hang steigt netterweise beim Drehen der Schaltung und zeigt so, wo man sich gerade befindet und in welche Richtung man nun schalten müsste. Sehr angenehm!
  • Die Cargobox. Zwei Kinder haben super Platz und auch das Badizeug für alle lässt sich gut verstauen. Dank Isofix-Halterung könnte man sogar einen Autositz festmachen für Babys. Wäre es mein Cargobike, würde ich allerdings die Bank nochmal etwas polstern. Beschwert hat sich keines der Kids, mich dünkte es aber manchmal etwas gar holprig auf dem Bänkli. Als ich die Duchess einmal mit den Jungs von der Krippe abgeholt habe, bin ich mit drei Kindern in der Box heimgelaufen. Fahren darf man in der Schweiz nur mit zwei Kindern in einer Cargobox, weitere Kinder müssten dann entweder auf einen Kindersitz auf dem Gepäckträger oder aber in einen Anhänger. Das Mk1-E lässt sich aber recht einfach schieben, so dass das als Ausnahme auch machbar war.

 

Nachteile:

  • Die Tür. Die Tür zur Box erschien mir etwas lotterig. Sie ist zwar nie aufgegangen während des Fahrens, doch habe ich dem Schliessmechanismus bis zum Testende nicht ganz vertraut. Allerdings muss ich hier anmerken, dass die Tür überarbeitet wurde und die neueren Modelle des Bikes eine andere Schliesstechnik haben.

Mich hat die Tür der Box nicht überzeugt. Zumindest hat sie die Duchess ganz einfach selber öffnen und so eigenhändig ins Rad einsteigen können.

  • Die Breite. Das Cargobike Mk1-E von Butchers und Bicycles gehört zur breiteren Sorte der Cargobikes. In der Stadt kam ich damit einige Male in Bedrängnis. Zwischen die Metallpfeiler bei den üblichen Veloparkplätzen passte ich nur rückwärts rein und bei knappen Fahrradstreifen musste ich auch schon mal absteigen und schieben, damit ich nirgends angeeckt bin. Allerdings gab mir die Breite des Gefährts gerade auch auf Strassen ohne Fahrradstreifen ein gutes Gefühl, die Autos konnten sich nicht ohne weiteres an mir vorbeidrücken.
  • Der Preis. Das Mk1-E wird mit gutem Grund als Alternative zum Auto angepriesen. Allerdings zeigt sich das auch im Preis, „mein“ Testbike kostet rund 8500 Franken. Dieser Preis ist in Anbetracht all der tollen Features des Cargoikes absolut gerechtfertigt, allerdings hatte ich bei jedem Parkieren Angst, dass mir jemand das Rad klaut. Einen sicheren Unterstand zuhause und eine gute Versicherung sind ein Muss!

Die Anzeige zeigt unter anderem, wie schnell man gerade fährt und mit welchem Unterstützungsgrad.

Noch heute fragt mich die Duchess, wann wir denn wieder mit dem „Auto-Velo“ fahren, so ihr Name für das Cargobike. Und so gerne ich das jeden Tag tun würde, mir fehlt nicht nur das Geld, sondern vor allem die Garage. Bevor ich mir jemals ein Cargobike kaufen würde, möchte ich einen sicheren und geschützten Unterstand haben. Ist das Rad Wind und Wetter (und Dieben) ausgesetzt, leidet es doch recht. Sicher werde ich aber immer mal wieder eines ausleihen, sei es für Ferien oder mal für einen Tagesausflug. In verschiedenen Schweizer Städten kann man verschiedene Cargobikes via www.carvelo2go.ch auch stundenweise mieten.

Butchers & Bicycles Mk1-E
Antrieb: Bosch Performance Line CX Motor
Leistung: 250 W
Hydraulische Tektro-Scheibenbremsen
Stufenlose NuVinci-Nabenschaltung

Lithium-Ionen-Akku 500 Wh (DualBattery 1000 Wh)
Preis: ab 5650 Franken
Farben: Weiss und Schwarz
Infos und Probefahrten: www.obstundgemuese.org / www.bosch-ebike.ch

Zwei oder drei Räder? Mit oder ohne E-Motor?

Drei Fragen zur Wahl des richtigen Cargobikes an Alberto Friedrich. Der passionierte Velofahrer führt den Laden Velonauta in den Viaduktbögen in Zürich und fährt privat ein Cargobike der Marke Urban Arrow.

Alberto Friedrich mit seinen beiden Söhnen im Urban Arrow

Worauf sollte man beim Kauf eines Cargobikes achten?
Für eine hügelige Stadt wie Zürich sollte man auf jeden Fall ein Velo mit Elektroantrieb kaufen. Die Velos alleine sind schon schwerer als ein normales Rad und mit der Ladung kommen da noch einige Kilos dazu. Bei der kleinsten Steigung steht man ohne E-Motor an. Die Bremsen müssen einfach zu warten sein, der Verschleiss ist hoch. Scheibenbremsen sind ein Muss. Die beste Motorisierung kommt heute von Bosch, die Elektroantriebe sind robust und der Service ist auch Jahre nach dem Kauf noch gewährleistet. Nebst einem guten Fahrgefühl finde ich also einen starken Motor und gute Bremsen das wichtigste bei einem Cargobike.

Zwei oder drei Räder: Was empfiehlst du?
Ich finde die einspurigen Cargobikes besser als die zweispurigen, weil sie sich praktisch wie ein „normales“ Velo fahren lassen. Das heisst sie sind agiler, man kommt besser im Stadtverkehr voran und sind auch einfacher und günstiger zu warten. Das Mk1-E ist eine Ausnahme bei den dreirädrigen Cargobikes und fährt sich wegen der speziellen Neigetechnik der Räder ähnlich wie ein Zweirädiger.

Was sind die Vor- und Nachteile von Cargobikes verglichen mit Veloanhängern?
Kinder lieben Cargobikes: Sie sitzen vorne und sehen was abgeht. Man kann sich mit den Kinder unterhalten und es ist einfacher die Kinder in die Box zu setzen. Mit dem Anhänger sitzen sie tief unten, man muss sich bücken, das Velo kippt einfacher, wenn man die Kinder im Anhänger platziert.

Vorteile von Anhängern sind, dass man kein neues Velo braucht (es sei denn, man muss sich ein E-Bike kaufen, weil man am Hügel wohnt). Ein wichtiger Punkt ist auch, dass vor allem kleine Kinder gerne beim Fahrradfahren einschlafen. Den Anhänger kann man dann einfach abhängen und zum Beispiel mit schlafendem Kind in die Badi mitnehmen. Im Anhänger können Kinder zudem besser anlehnen zum Schlafen. Wir haben uns jeweils mit einem Nackenkissen beholfen (siehe Foto). Für längere Touren sind Anhänger gut, weil man diese im Gegensatz zu Cargobikes in den Zug verladen darf. Lastenräder sind zu lang und daher verboten. Ich persönlich mag aber Cargobikes lieber, weil sie stabiler sind und man die Kinder im Blick hat.
Nebst normalen Rädern können Lastenräder der Marke Urban Arrow bei Velonauta probegefahren werden.
Velonauta, im Viadukt, Viaduktstrasse 87, 8005 Zürich. www.velonauta.ch

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